Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 252


252
Albert Oehlen
Göte, 1980.
Acryl auf Leinwand
Schätzung:
€ 150.000
Ergebnis:
€ 150.000

(inkl. Käuferaufgeld)
Göte. 1980.
Acryl auf Leinwand.
Verso signiert und datiert. 90 x 110 cm (35,4 x 43,3 in). [JS].

• Aus der ersten frühen Phase der "Hamburger Zeit".
• Eines der selten angebotenen, legendären „Stillleben“, die in Ausstellungen in den frühen 1980er Jahren die Sicht auf Oehlens Position bestimmten
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Hessen (seit 2004).

AUSSTELLUNG: Albert Oehlen und Martin Kippenberger, Galerie Silvia Baviera, Cavigliano/Italien, 22. Mai – 3. Juli. 1982 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).

„1. außerordentliche Veranstaltung in Bild und Klang zum Thema der Zeit:
Elend (Es gab keine Themaverfehlungen)."

Albert Oehlen, 1980
„Albert Oehlen wollte jedoch zuallerletzt eine Gesellschaft erfrischen, die
sich Malerei als erregendes Ereignis hielt. Seine Direktive: ,Mache die
Probe, erkenne die Wahrheit am Duktus, lass Dich von ihr vollscheißen,
stelle fest, wie sie sich von innen anfühlt.‘“

Roberto Ohrt, 1993

Kippenberger, Büttner, Oehlen – in dieser analphabetischen Reihenfolge (weil besser lesbar) trat eine „Gang of Four“ auf, bei der die Rolle des D’Artagnon wahlweise mit Markus Oehlen, Georg Herold, Meuser oder anderen besetzt war. Getreu dem Motto der Lord Jim Loge „Keiner hilft Keinem“ propagierten und agierten diese drei Musketiere den Spielraum aus, den ihnen die junge Bundesrepublik nach 1977 zu geben bereit war. Reflexartig zogen sie alles in die Verwandlungszone künstlerischer Arbeit. Als transitorisches Element konnte dienen, was durch Spott oder wohl kalkulierte Affirmation in leicht Falsches oder täuschend Echtes zu verwandeln war. Eine Ausstellung 1984 in Essen und der dazugehörige Katalog trugen den Titel: „Wahrheit ist Arbeit“ – es ging um die direkt geschaltete Assoziationskette, die Überforderung in Wort und Bild, die den Besuchern der Ausstellung wie den geneigten Lesern des Buches eindrücklich in Erinnerung rufen sollte, dass die schon zuvor aufgestellte Forderung, „Wer diesen Katalog nicht gut findet, muß sofort zum Arzt“, noch lange nicht erledigt war.
Albert Oehlen ist zu Beginn der 1980er Jahre bereits souverän im Vertauschen von vertrauten Wörtlichkeiten. Seine Inszenierungen parodieren das Geschehen als intime Banalitäten, zeigen mit leichter Hand, dass das Prinzip des Stils nur noch in der gepflegten Stillosigkeit liegen kann. Verwischte Konturen, schlammige Farben und eine simple Idee prägen auch das hier gezeigte Bild. Das Motiv ist klar zu erkennen. Das Genre heißt „Stillleben“, und erst in der Beschreibung der Situation wird das Dargebotene in all seiner absurden Finesse nachvollziehbar. Eine Vase mit wehrlosem Grün, wenig stabil, ein Fernseher und, um der Ideenlosigkeit des Settings noch etwas hinzuzufügen, steht auf dem Gerät eine Plastik – die Büste eines unbekannten Potentaten!? Als ob es nötig wäre, weist die Sockelinschrift den abgetrennten Kopf als Goethe aus. Falsch geschrieben, natürlich, aber noch nicht mit jener Anspielung ins Unzulernende, was in „Fack ju Göthe“ die Apotheose der Trostlosigkeit der Millennials feiern konnte: Der Blick ins Exotische im Randgebiet der provozierten Bildungsmisere – Metamorphose der „Feuerzangenbowle“ mit dem „F-Wort“ ohne Pfeiffer. Millionen delektierten sich am Blick zurück nach vorn, trunken vor Glück, dass sie selbst die Hauptrolle spielen, fühlen sich wohl als zahlende Kulisse für biederste Schenkelklopfer des Mainstream. Das heutige Leben ist das bessere Leben.
Der unausgesprochenen Intention des Stilllebens entsprechend ist das Sujet seit jeher Spiegel der Belanglosigkeit. Es gilt entweder das Können des Malers in der naturalistischen Nachahmung der Stofflichkeit zu feiern oder per moderierter Auswahl, den im Stil des Künstlers aufgefassten Asternstrauß oder die Mohnblumen mit einer dekorativen Figur aus dem Völkerkundemuseum aufzuhübschen. „Nolde für Arme.“ Oehlen nimmt einen Umweg und kombiniert das bewegte Bild auf der Mattscheibe – eine „echte“ Person, die aber flach ist, was als Malerei ein tatsächlich stilles Bild wird –, mit dem „stillen Kopf“ auf dem Fernseher, der aber immerhin dreidimensional ist. Im Verständnis der frühen 1980er Jahre ist das eine „Langeweileschleife“, eine interessante Versuchsanordnung, um die man sich also getrost kümmern kann, weil sie weit intelligenter gedacht ist, als sie auf den ersten Blick erscheint. Es ist nur folgerichtig, dass der Mann im Fernseher, das „nie gesehene“, das „unmögliche“ Bild liefert.
Das Selbstporträt im Fernseher war ab den 1960er Jahren bei Künstlern beliebt geworden, bevor es in den 1990er Jahren zum perfekten Sujet der ironischen Set-Card der Video-Künstler wird. „Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen“ war noch ein Jahrzehnt früher das gern zitierte Motto, und es versprach die 15 Minuten Weltruhm im Aufwachraum der Bonner Republik. Die nur vorsorgliche Bedeutungslosigkeit des Motivs verleiht der nachlässigen Malweise nur ihre Berechtigung. Der schnelle Strich des Pinsels verfremdet hier die losgelöste Optik der Wirklichkeit. Es ist die grundständige Aufrichtigkeit, die einem beim Betrachten eines platten Reifens beschleicht. Hier stoppt das Denken. Hier steht die Welt still.
Das Bild hat zwar auch einen „Göte“ zum Bildgegenstand, aber dieser ist so unbrauchbar wie seine gemalte Entsprechung nicht zu seiner Verehrungsmöglichkeit beiträgt. Der Mann – und alles, was er verkörpert – ist schlicht egal. Eine Goethe-Büste auf einem kleinen Fernseher. Pathos mit Ansage in der Tagesschau? „Nicht denken – Nase bohren.“ Das ist kaum auszuhalten, und deshalb gerade richtig, wenn zur Verteidigung aufgefordert wird, was Malerei überhaupt noch bedeuten kann. Die Musketiere hatten noch getitelt: „Wir nehmen den Beifall auch wenn er von der falschen Seite kommt“.
Das „selbst gemalte“ Bild ist – neben Punk – um 1980 in ganz Europa, wo die Kunstwelt den „Hunger nach Bildern“ feiert, die schnellstmögliche Operation, um dem Dasein Brisanz zu verleihen. Als Malerei ist das eine Perlenkette aus Anmaßungen: beliebiges Sujet, billiges oder teures Material, gerne groß aber zur Not auch klein, aufwendig hergestellt wie beiläufig festgehalten – und natürlich auch: Schaffung von Tauschwert, Geld am Horizont. Das gemalte Bild ist selbst als „Transformer“ gedacht. Es ist immer bereits Verwandeltes und aktiver Verwandler für die Gedanken anderer – ein Auffangbecken für die Reste der Zivilisation des kulturellen Pessimismus, Ort der Umkehrung der Zeichen, der Abkürzungen von der Mattscheibe der vermittelten Realität zur Spurlosigkeit des Vorüberziehens im Cinemascope der Leinwände. Es ist das Leben, das uns in unserem Tun unterbricht, sagt John Cage, als „John Doe“, als „Jedermann“ und „Käfig“. Die Gegenwart ist nur dann gut auszuhalten, wenn wir sie sofort als Teil der Vergangenheit begreifen.
Heute gilt Albert Oehlen nicht nur als „Hauptvertreter“ einer „post-ungegenständlichen Malerei“, sondern als einer jener europäischen Künstler, die schon zu Beginn der 1980er Jahre bereits jene Bilder zu malen bereit waren, die bis heute als Folie all dessen betrachtet werden, was zu Beginn des 21. Jahrhunderts als „sehenswert“ apostrophiert wird. „Göte“ zeigt warum. Während Oehlen mit lapidarer Malerei zwar behauptet, Virtuosität ist was für Nichtskönner, beharrt er zugleich umso nachdrücklicher auf ihrer Dialektik. Er spielt mit dem Loch in der Leinwand, das schon seit zwei Jahrzehnten der Fernseher im Wohnzimmer besetzt. Das Stillleben mit Goethe Büste erfüllt gerne den Luxus im Moment, in dem der Betrachter sich in seiner Bildung zu sonnen meint, während im Spiegel im Flur längst ein Plakat zu sehen ist, auf dem Steht: „Im Land der Motive brennt kein Licht mehr.“ [AH]



252
Albert Oehlen
Göte, 1980.
Acryl auf Leinwand
Schätzung:
€ 150.000
Ergebnis:
€ 150.000

(inkl. Käuferaufgeld)